„Bevor ich das Smartphone auf den Erntedankaltar gelegt habe, habe ich noch rasch ein Foto von der Gemeinde gemacht. Für sie bin ich nämlich auch dankbar … “
Ein Erntedank-Nachdenken von Pfarrer Sebastian Wilhelm.
“Aus Fehlern lernt man”, sagt der Volksmund. Ich habe immer wieder viel zu lernen. Vor einigen Jahren hatte ich im Gemeindebrief einen Druckfehler, auf den mich die einerseits sehr aufmerksame und andererseits humorvolle Gemeinde rasch aufmerksam machte. Ich hatte mit großen Lettern statt zum Erntedankfest zum Erntedenkfest eingeladen.
Aber warum nicht auch aus Druckfehlern lernen? Womöglich liegen Danken und Denken enger beieinander als die vertauschten Vokale auf meiner Tastatur. Daran habe ich dieses Jahr gedacht, als ich im Gottesdienst die Gemeinde gefragt habe, was sie denken, was auf einen Erntedank- oder Erntedenkaltar gehören würde.
In allen Gottesdiensten, die ich gehalten habe, kam es zu einem lebhaften und fröhlichen Gespräch über viele Dinge, für die wir dankbar sind – von Gesundheit bis Frieden an unseren Orten, von vielen Dingen, die selbstverständlich scheinen, es aber gar nicht sind, wenn man darüber nachdenkt, dass wir nach Trockenheit hier oder Überschwemmungen dort in unseren Supermärkten oder Speisekammern nicht eine Tüte Mehl weniger haben und dass wir von und mit vielen Dingen leben, die in unserer Umgebung weder wachsen noch verarbeitet werden. Und da man aus Fehlern lernen kann, haben wir auch darüber gesprochen, dass es wichtig ist, mit dem Dank auch darüber nachzudenken, was uns die Dinge wirklich wert sind.
Ob nah oder fern entsteht viel Not und Ungerechtigkeit dadurch, dass wir oft nicht bereit sind, Dinge angemessen zu bezahlen, sondern nach dem günstigsten Angebot suchen. Gerade hier auf dem Land wissen wir alle, welche Arbeit, Mühe und Sorge es macht, Dinge zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten, bevor wir sie genießen oder weiterverarbeiten können.
Nicht nur unsere Bauern leiden sehr darunter, dass nach all ihrer schweren und guten Arbeit die Menschen immer weniger für ihre Erzeugnisse bereit sind zu zahlen. Hoffentlich können wir nicht nur protestieren, schimpfen und anklagen, sondern auch in diesem Zusammenhang aus eigenen Fehlern lernen.
Am Ende der Gottesdienste habe ich etwas auf den Erntedank-/Erntedenkaltar gelegt, was die Gemeinde sehr gewundert hat: Mein Smartphone.
Als ich Erntedank vorbereitet habe, habe ich lange darüber nachgedacht, wofür ich in diesem Jahr besonders dankbar bin. In meinem Smartphone sind viele Bilder und Videos von Ereignissen und Erlebnissen, an die ich mich gerne erinnere und für die ich dankbar bin. Es gibt auch ernste und traurige Bilder auf meinem Smartphone. Aber ich bin dankbar, dass ich auch um ernste Momente und Situationen in meiner Umgebung weiß und daran lernen kann.
Mit meinem Smartphone empfange ich Nachrichten und Mitteilungen von Freunden und Bekannten. Manche Ereignisse sind mir vielleicht gar nicht so verständlich, wie den Absenderinnen und Absendern. Aber ich bin dankbar, dass sie ihre wichtigsten Momente mit mir teilen.
Mit meinem Smartphone kann ich Kontakt halten zu vielen Menschen, die nicht in meiner Nähe sind. Ich bin dankbar und froh, dass ich trotz Entfernung erreichbar bin. Und dankbar bin ich auch dafür, dass ich durch mein Smartphone jemandem sagen kann, ich bleibe für Dich zu jeder Zeit erreichbar – auch in Notfällen, du bist nicht allein. Auch ich fühle mich manchmal nicht ganz so allein, wenn ich mein Smartphone dabei habe.
Bevor ich das Smartphone auf den Erntedankaltar gelegt habe, habe ich noch rasch ein Foto von der Gemeinde gemacht. Für sie bin ich nämlich auch dankbar. Es gibt ganz viele Unterschiede zwischen uns aber auch eine sehr dankenswerte Verbindung: im Glauben, im Gebet, im Singen und Schweigen. Durch die besondere Zeiten, Ereignisse, Feste und ernsten Momente im Leben werde ich nie allein gehen müssen, sondern immer als Teil einer Gemeinde, zu der ich gehöre.
Danke.




